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ausschnitt

Carolin erzählte von einer Bahnfahrt in Italien. Ich fragte nach:
"Was ist dir von Italien noch in Erinnerung geblieben?"
"Man verbrennt sich dort leicht die Finger."
"Wie meinst du das?"
"In Italien verbrennt man sich beim Händewaschen ganz leicht die Finger. Auf den Wasserhähnen steht überall caldo. Das bedeutet heiß und nicht kalt."
"In Italien hätte ich mir auch die Hände verbrannt."
Ich erzählte von meiner Hamburger ZOB-Entäuschung. Carolin hörte vergnügt zu. Das Gespräch sprudelte weiter, bis es auf einmal versandete, ohne dass ich daran schuld gewesen wäre. Carolin schwieg vor sich hin. War sie beleidigt? Einen Grund gab es dafür nicht. Manchmal ist es so, dass Buntschatten, die schweigen, ihr Vergnügen daran finden, zu schweigen. Leider lässt sich an ihrem Schweigen nie erkennen, auf welche Art sie gerade schweigen.
Nach vielen Augenblicken der Stille konnte ich meine Neugier nicht mehr verbergen und fragte:
"Bist du beleidigt?"
"Nein."
"Langweilst du dich?"
"Nein."
"Bist du müde?"
"Nein."
Jetzt war ich am Ende mit meinem Latein. Ich schaute mir Carolin genauer an und versuchte es mit einer ausgefallenen Mischung:
"Bist du beleidigt, gelangweilt und müde zugleich?"
"O nein."
Das war seltsam. In meinen Augen sah Carolin so aus, als wäre sie es.
"Am Sonntag hast du am Strand aber genauso schläfrig ausgesehen", sagte ich.
Carolin wurde munter.
"Glaubst du das wirklich?"
Ich summte ein kleines Ja.
Carolin fragte:
"Wann bin ich dir denn das erste Mal am Sonntag aufgefallen?"
"Unten am Wasser, einige Zeit bevor ich zum Baden gegangen bin", antwortete ich.
"So spät erst? Ich habe dich viel früher entdeckt. Gleich am Mittag. Während der nächsten Stunden habe ich dich immer im Auge behalten."
"Warum?"
"Du bist die ganze Zeit allein gewesen. Das hat mich neugierig gemacht", sagte sie und legte ihren Kopf wieder in die Armbeuge.
In Carolins verhalten gab es Widersprüche. Ich fragte:
"Und davon bist du so schläfrig geworden?"
"Von meiner Neugierde bin ich nicht müde geworden", sagte sie lachend. "Du bist so einsam gewesen. Niemand hat sich um dich gekümmert. Das habe ich gemocht. Deshalb bin ich um Strand hinuntergegangen."
"Und dann bist du müde geworden?"
Carolin lachte schelmisch.
"Ich habe nur so getan."
Jetzt verlor ich völlig die Übersicht. Buntschatten verhielten sich oft auf eine Weise, dass es mich rätseln ließ. Zum Glück zeigte sich Carolin geduldig. Ich durfte also darauf hoffen, dass sie mir alles erklärte. Insofern machte das Gespräch auch wieder Spaß, obwohl ich so wenig verstand wie beim Lesen Lateinischer Lyrik. Ich fragte nach:
Warum hast du nur so getan?"
Carolin sagte kein Wort. Es gibt gute Fragen und es gibt weniger gute Fragen. Diese Frage schien zu der zweiten Sorte zu gehören. Dafür gab es nämlich ein untrügliches Anzeichen: Das Gespräch versandete völlig.
Carolin schweig, blickte auf die Brandung und sah aus, als wäre sie beleidigt, gelangweilt und müde zugleich.
Für eine Weile hörte ich den Einflüsterungen des Meeres zu. Das Rauschen der Wogen klang verlockend: Komm doch her, spiel mit uns. Warum sagte Carolin nichts? Ich schloss die Augen und gab mich den Klängen der Nordsee hin.
Nach einer Unzahl von Wellen hielt Carolin eine Antwort für mich bereit:
"Ich war gerade dabei, mich in dich zu verlieben."
Das Rauschen verebbte. Ein paar Herzschläge später hörte ich Carolin wispern:
"Ich liebe dich."
Ich lauschte auf das Geflüster der Wogen: Möchtest du noch immer mit uns spielen? Muss man beim Strandsand 37 verschiedene Arten des Glitzerns unterscheiden? Oder sind es 111? Warum dachte ich nur darüber nach? Ich wollte jetzt weder baden noch den Sand bewundern.
Ich ordnete meine Gedanken. Was bedeutete es, wenn ein Buntschattenmädchen zu mir sagte, es liebe mich? Das war etwas anderes als ein guter Morgen, der mir gewünscht wurde. Was geschähe, wenn ich das Gleiche zu Carolin sagte? Ohne weiter nachzudenken fächerte ich einen Satz Silben auf:
"Ich liebe dich."
Was würde als Nächstes geschehen? Wie verzaubert lag Carolin neben mir. Nach einer Weile sagte sie tastend:
"Ich liebe dich."
Sie wiederholte ihre Worte.
Ein Vöglein aus frühsten Kindheitstagen wagte sich in mir hervor. Von weit weg sagte es zu Carolin:
"Ich liebe dich."
Das Buntschattenmädchen sagte immer noch tastend:
"Ich liebe dich."
Das zerrupfte Vöglein aus frühsten Kindheitstagen spreizte sein Gefieder und sagte:
"Ich liebe dich."
Aus einem dreiguten Nachmittag wurde ein vierguter Nachmittag. Carolin sah immer noch aus, als wäre sie beleidigt, gelangweilt und müde zugleich. Vielleicht tat sie ja nur so. Immer noch tastend, immer noch unsicher sagte Carolin:
"Ich liebe dich."
Früher sagten die Fledermäuse, ich hätte einen Vogel, wenn sich der kleine Papagei in mir zeigte. Du sollst nicht immer alles nachplappern! Diese Ermahnung hallte in meinen Ohren wider. Es tat mir weh, wenn Fledermäuse mich ausschimpften, denn ich empfand es als ungerecht. Ich konnte ja nichts dafür, dass der kleine Papagei in mir so gerne den Schnabel aufsperrte und Worte wiederholte, die man nicht wiederholen durfte. Da die Fledermäuse sich aber garstig zeigten, blieb mir nichts anderes übrig, als meinen gefiederten Freund zu verscheuchen. Wann immer er Verbotenes tat, rupfte ich ihm zur Strafe Federn aus und fauchte ihn an. Bald war er so zerzaust und verschreckt, dass er sich trollte. Das geschah zu jener Zeit, als ich wieder sprechen lernte.
Ich hatte so lange warten müssen. Jetzt an diesem Nachmittag im August, wagte er sich wieder hervor, ohne dass ich dafür bestraft wurde. Flatterhaft schön waren diese vierguten Stunden am unbewachten Strandabschnitt Die Zeit verging im Fluge. Sooft der kleine Papagei in mir wollte, durfte er Buntschattenworte nachplappern. In meinem Glück wurde ich fast wehmütig, weil dieses Gefühl in mir so lange verreist gewesen war.
Auf dem Rückweg zu den Sandburgen im Norden meinte Carolin:
"Noch nie habe ich einem Jungen in so kurzer Zeit so oft gesagt, dass ich ihn liebe."


das ist aus axel brauns - buntschatten und fledermäuse.
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